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BeduBABEL, Statement zur Vernissage, Oktober 2003 BeduBABELGünther Karcher - Bilder und InstallationenStatement zur VernissageEine Ausstellung am DGB Bildungszentrum Hattingen
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VorbemerkungSeit der letzten Kunstausstellung in diesem Hause ist schon einige Zeit vergangen. Gewerkschaftliche Bildungsstätten sind für solche Events eigentlich nicht prädestiniert. Dies gilt sowohl in baulicher Hinsicht als auch für die Lichtverhältnisse. Außerdem laufen Künstlerinnen und Künstler, die in solchen Räumen ausstellen, heutzutage Gefahr, von den einen verdächtigt zu werden, ihr Werk in den Dienst der Propaganda einer politischen Organisation zu stellen oder, wenn dies offensichtlich nicht der Fall ist, von den anderen als unpolitische Bohemiens abgekanzelt zu werden. Ein bisschen war das auch die Befürchtung von Günther Karcher. Als ich ihn bat, diese Ausstellung hier zu machen, fühlte er sich sofort gezwungen, klar zu stellen: „Ich bin zwar durchaus politisch, aber ich mache keine vordergründig politische Kunst.” Eine solche Ausstellung passt aus meiner Sicht genau in ein Haus, das den offenen politischen kulturellen Diskurs sucht. Ein solcher Diskurs ist das Gegenteil von politischer Indoktrination und Propaganda. Er stellt die Person und ihre Auffassung ins Zentrum und nicht die politische Sache an sich. Politische Andragogik (Erwachsenenbildung), die sich ihm verschrieben hat, nagelt Leute nicht auf Positionen fest und behauptet auch nicht, zu wissen, wo es lang geht. Sie sieht ihre Aufgabe darin, bei der politischen Analyse und der Suche nach Problemlösungen zu helfen. Zu entscheiden haben schließlich die Lernenden selbst. Künstlerinnen und Künstler, die nicht vorschreiben, Perspektiven verengen und Blicke fixieren wollen, sondern sich als ‚Ermöglicher’ von neuen Sichten, Emotionen und Gedanken verstehen, indem sie mit den Mitteln der Kunst ihre eigenen Erfahrungen, Sichten, Emotionen und Gedanken in die Kommunikation einbringen, und eine Andragogik, die sich dem offenen politischen Diskurs verschreibt, sind sich strukturell sowie in ihrem Verhältnis zu den Menschen sehr nahe. Beide gehen davon aus, dass sich Menschen letztlich nicht propagandistisch indoktrinieren lassen, sondern dass sie sowohl Politik und Angebote der politischen Bildung als auch Kunst aus ihrer Perspektive wahrnehmen. Die Information, die sie daraus ziehen, ist ihnen nicht mehr aber auch nicht weniger als Material zur Konstruktion ihrer eigenen Wirklichkeit. Um es in Anlehnung an Bazon Brock zu sagen: Eine solche Kunst und eine solche politische Andragogik ist hoch ambitioniert. Sie wollen einen Beitrag dazu leisten, dass es den Menschen gelingt, „das Faktische auf Mögliches hin zu überschreiten”, (...) „den engen Kosmos der Alltagsroutinen auf(zu)reißen und die Dimension des Unbeobachteten, des Unvermuteten ins Spiel (zu) bringen.” Karcher versucht das auf seine Art. Zur Person des Künstlers Ich werde mich kurz fassen. Wer mehr wissen will, kann das den Informationen der Karcher ist 54 Jahre alt. Er studierte an der Kunstakademie Karlsruhe (Außenstelle Freiburg) bei Prof. Dreher und an der HDK in Berlin. Dort war er Meisterschüler bei Prof. Kügler. Seine Reisen führten ihn durch die USA, Mexiko und Guatemala und die für die klassische europäische Moderne wichtigsten Länder. Karcher hat eine ansehnliche Liste von Einzel- und Gruppen-Ausstellungen im In- und Ausland vorzuweisen. Vor allem auch in Japan ist er durch Ausstellungen in Kobe, Osaka und Kyoto ein Begriff. Heute lebt er in Rastatt. Davor einige Zeit in Freiburg und Heidelberg vor allem aber lange Jahre in Berlin. ExkursBevor ich versuche, Ihnen meine Sicht von Karchers Werk darzulegen, muss ich noch etwas zu meinem Hintergrund, zu meinem Verhältnis zur Kunst sagen. Vom Kunstunterricht der Schulzeit einmal abgesehen (die liegt, wie man sieht, schon ein Weilchen zurück) resultieren meine Kunstkenntnisse aus leidlich regelmäßigen Ausstellungsbesuchen. Kurz, ich bin ein blutiger Laie, ein bisschen kunstinteressiert zwar, ab und zu der Besuch einer Ausstellung, aber das ist es auch schon. Entsprechend ist mein Statement alles andere als eine professionelle Sicht auf Kunst. Die ‚unmittelbare Projektion’Karcher bedient sich seit seinem Studium einer Technik, die er ‚unmittelbare Projektion’ nennt. Dabei wird eine Acrylglasscheibe aufgestellt und darauf der durch sie sichtbare Wirklichkeitsausschnitt übermalt, z.B. der Ausschnitt einer Landschaft. Diese Technik entsteht in den 70er Jahren während seiner Freiburger Zeit. Karcher will damit die Lehre Drehers, seines Professors, der der Schule der ‚Neuen Sachlichkeit’ nahe steht, überhöhen. Dreher lässt seine Studentinnen und Studenten im Atelier Motive aus figurativen Objekten aufstellen und realistisch abmalen. Karcher platziert eines Tages einen mit Plastikfolie bespannten Rahmen vor diese Motive und malt sie darauf nach. Er verdoppelt damit quasi den engen Rahmen, den Drehers Lehrmethode steckt. Mit der Plastikfolie verweist er gleichzeitig darüber hinaus auf die Realität jenseits der Kunst und außerhalb des Ateliers. Er geht auf seine ersten Malreisen. Die Plastikfolien samt Rahmen nimmt er mit. Die Technik der ‚unmittelbaren Projektion’ unterstreicht das Ausschnitthafte der Bildes und betont, dass der spezielle Ausschnitt oder das Motiv vom Maler gewählt, gesetzt und bearbeitet ist. Es liegt an den Betrachtern selbst, vor dem Hintergrund ihrer Wirklichkeit diesen Ausschnitt im Kopf und in der Emotion zu sprengen. Die geringe Haltbarkeit von Plastikfolie führt Karcher dann bald zum Acrylglas und mit diesem hinaus auf Reisen durch Frankreich, Italien, in Stein- und Marmor-Brüche, europäische Gebirgsregionen usw. Es entstehen ganze Reisetagebücher auf Acrylglas. Aber Karcher beginnt nun auch die Acrylglasbilder auf Leinwand zu übertragen und auszuarbeiten, manchmal in den unterschiedlichsten Varianten. Die Technik der ‚unmittelbaren Projektion’ wird so zu einer Art Skizziertechnik. ‚Expressionistischer Realismus mit abstrahierender Tendenz’Auf seinen Reisen sucht Karcher auch nach den Motiven von Cézanne, van Gogh, Monet und „Wir leben in einer historisierenden Zeit - nicht nur Archaik, Mittelalter und Romantik stehen in Kunstwerken der Gegenwart wieder auf - sondern auch die traditionellen Strömungen unseres Jahrhunderts werden als anregende Vorbilder in den Kunstzeugnissen sichtbar. Zuerst die klassizistischen Wurzeln der neuen Sachlichkeit der 20 Jahre, die im neuen Realismus der 60er ihren Niederschlag fanden und dann die Fauves und Expressionisten, die in den frühen 70er Jahren eine renacitá erlebten; und das zuerst bei Berliner Künstlern. Stadtbilder - BABELWichtig in Karchers Werk sind Stadtbilder. Sie entstehen zum Teil schon in den 70er Jahren. 1985 malt Karcher vom 19. Stockwerk eines Berliner Hochhauses herab ‚Fensterbilder’ auf ins Fenster gestelltes Acrylglas. Jeden Tag wird ein Bild produziert und zwar aus jeweils einem anderen Fenster (Ost, West, Süd, Nord). Die Bilder scheinen die Geschwindigkeit der malerische Aktion festzuhalten, wie Noack zurecht konstatiert. Sie zeigen Häuserfelder, die eher Schluchten als Wohnorten gleichen, und die den Künstler scheinbar zweifeln zu lassen, dass in diesen Häusern überhaupt Leben pulsiert. Die Bezeichnung ‚Fensterbilder’ konotiert den Beobachter hinter dem Fenster, also Distanz zu dieser Stadt oder zu Stadt allgemein, Eingeschlossensein und Fernweh. Die Malweise unterstreicht dies. Veranstaltet durch das Goethe-Institut kann Karcher Stadtbilder, darunter auch die ‚Fensterbilder’, in drei großen Städten Japans Karcher lebt in dieser Zeit bereits wieder 5 Jahre in Süddeutschland. Langsam tritt ein Thema, dass Karchers Werk immer implizit war, deutlicher in den Vordergrund, das Spannungsfeld von Mechanisierung und Industrialisierung einerseits und Natur andererseits. Aber dieses Thema war zunächst eher in seinen Schaffenszyklen angelegt, als in den einzelnen Bildern selbst. So sucht er in den Bildern seiner Reisen nach einen malerischen Ausdruck für das Atmosphärische in Landschaften, Stein- und ‚Frottage’Umgezogen nach Süddeutschland in eine eher kleinstädtische und ländliche Region an der Grenze zum Elsass, also zwischen Rhein und Schwarzwald, setzt Karcher die Akzente neu. Er arbeitet nun mit einer alten Technik, die der Surrealist Max Ernst wieder einführte, die ‚Frottage’. Bei der Frottage-Technik wird die Leinwand unmittelbar auf die Objekte gelegt und man folgt malend ihren sich durch den Druck auf der Leinwand abbildenden Strukturen. Mit ihr geht auch eine Änderung von Auswahl und Darstellung der Motive einher. Sie führt Karcher noch näher an seine (Natur-)Objekte heran, quasi direkt auf ihre Oberfläche. Eine Reihe der Bilder, die nun hier in Hattingen gezeigt werden, sind so entstanden. Die Projektion durch das Acrylglas gibt Karcher jedoch nicht auf, sie rückt etwas in den Hintergrund, teilweise ändert sich auch der Einsatz dieses Materials, und die Scheiben werden nun vor die Bilder gespannt. Dies schafft Distanz. Es verändert aber auch Bildaussagen. Dies gilt vor allem, wenn Karcher farbiges Plexiglas nutzt und seine Farbfilterwirkung nutzt. Die Massaker in Bosnien inspirieren ihn, ein Bild, das einen Stapel Holzscheite zeigt, durch eine vorgespannte rote Plexiglasscheiben zu einem glühenden BeduBABELKarchers Schau in Hattingen ist ‚BeduBABEL’ überschrieben und damit in das Spannungsfeld zwischen Mobilität (Bedu) und Sesshaftigkeit (BABEL) gesetzt. Sie hat aber nichts mit nomadischer Kunst zu tun. Es dominiert weder grelle Farbe noch Ornament. Durch die Frottage wirken Karchers Bilder noch ausgewogener, geplant fast abbildhaft. Die Frottage löst die Motive völlig aus ihrem ursprünglichen Kontext. Daraus ‚befreit’, werden die Motive tendenziell zu Symbolen und Icons, die Karcher zu immer neuen Kompositionen zusammenstellt. Kunst kann keine neue Form an sich schaffen, sondern Formen nur neu entdecken und neu komponieren, so sein künstlerischer Standpunkt. Der getrocknete und gebrochene Boden einer leeren Talsperre wird zum Icon für Monets Heuhaufen, Produkte einer ‚handwerklichen’ Landwirtschaft, sind bei Karcher durch die Dreschmaschine gegangen und zu maschinell gepackten Stroh-Rädern und -Kubikeln also zu Produkten einer industriellen Landwirtschaft geworden. Aus der Landschaft isoliert, auf verschiedenfarbigen Hintergründen, in unterschiedlichem Licht, bei verschiedenen Reifegraden des Strohs und durch unterschiedliche ‚Lichtfilter’ hindurch dargestellt, werden aus einem Industrieprodukt durch künstlerische ‚Verwertung’, je nach Anordnung und Größe, eine Reihe einzelner Kunstobjekte, Installationen. Die Nummerierung der Bilder unterstreicht den Reihencharakter bzw. die ‚Serienfertigung’. Aber trotz Serie ist jedes Bild ein Original. Karcher stellt in Hattingen faszinierende Bilder aus, die er Karcher stellt hier auch Zeltwand aus, das halb offene Obdach der Beduinen. Hier wieder das Thema Mobilität, Bewegung, Reise, Wanderung ... bedu.... Der Kunstkritiker Uwe Salzbrenner schreibt dazu in der sächsischen Zeitung: „Es ist Karchers eigene Bewegung, die er malt, eine Suche, bei der wie bei vielen Malern unterwegs das englische Wort travel (Reise) in das französische Wort travail (Arbeit) übergeht.” Für Künstlerinnen und Künstler wie Karcher sind Reisen in unmittelbarem Sinne produktiv, nämlich Suche und Festhalten von Motiven, teilweise auch Produktion von Bildern. Damit sind sie vielleicht traditionellen Nomaden näher, als den modernen Arbeitsnomaden. Den traditionellen Nomaden ist Wandern eine Existenzform, in die sie hineingeboren wurden, und die ihrer Kultur implizit ist - den Künstler ist Kunst eine Existenzforum, die sie selbst gewählt haben und mit ihr oft auch das Reisen. Die modernen Arbeitsnomaden reisen Aufträgen hinterher. Das aber meist gezwungenermaßen. Denn zur Zeit geht die Arbeit auf Reisen. Die, die ihre Arbeitskraft oder ihre Dienstleistung verkaufen müssen, haben ihr zu folgen. Das tun nicht alle völlig freiwillig. Insgesamt macht die Ausstellung deutlich, dass Karchers Bilder viel vom Licht, historisch-kulturellen Brüchen, dem Verhältnis von Entwicklung der Zivilisation, dem von Technik und Natur sowie von der Kunstgeschichte zu berichten wissen. Sich darauf einzulassen und den Bildern die Chance zu geben, zu wirken, lohnt. Hattingen, den 13.10.2003
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Sächsische Zeitung, März 2002
BNN 03.01.2000